Denkgebäude

Letzte Woche war ich bei einer interessanten Veranstaltung – bei einem Streitgespräch unter Philosophen im b_books Buchladen in Kreuzberg. (Toll, wie das immer gleich viel cooler klingt, wenn man „In Kreuzberg“ sagt.)

Zum Schlagabtausch geladen waren Daniel Loick und Christoph Menke, weil beide kurz nacheinander Bücher veröffentlicht hatten, die sich auf die „Kritik der Gewalt“ von Walter Benjamin bezogen, dabei jedoch zu recht unterschiedlichen Schlüssen kamen.

Die Anwesenheit von Daniel Loick war übrigens der Grund, dass es mich überhaupt zu diesem Gespräch verschlagen hatte, mit diesem hatte ich nämlich 2007 schon so allerhand im Rahmen von Tino Sehgals Kunstwerk „this situation“ im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt/ Main zu bereden gehabt.

Der kleine Buchladen füllte sich rasch mit Interessierten; damit hatte ich gar nicht in dem Maße gerechnet. Bald waren alle Bierbänke und Treppenstufen besetzt, und die zumeist schwarz gekleideten Philosoph_innen mussten einigermaßen zusammen gefaltet auf dem Boden Platz nehmen. Ich blieb gleich am Fenster sitzen, dummerweise in einem so ungünstigen Winkel, dass ich die beiden Diskutanten gar nicht sehen konnte, umso besser allerdings das Publikum.

Daniel Loick begann mit der Vorstellung seines Buches „Kritik der Souveränität“, und ich war ganz erstaunt davon, wie sich von dieser intellektuellen Art des Sprechens, Denkens und Veranschaulichens gleich sozusagen meine innere Schädeldecke hob. Von meiner Bierbank aus betrachtete ich all die Zuhörer_innen, die die präsentierten Denkbewegungen nachvollzogen, dass ich es richtiggehend vor Augen hatte, das über all diesen Köpfen entstehende Denkgebäude. Ob ich, darüber staunend, der Diskussion eigentlich richtig gefolgt bin?

Es ging, ausgehend von Benjamin, um die Frage, auf welche Weise sich das Recht legitimieren kann, wenn nicht durch die Androhung, die Möglichkeit, die Präsenz von Gewalt. Loick präsentierte sehr anschaulich anhand der These von Adorno/ Horkheimer aus der „Dialektik der Aufklärung“, was er unter einer ironischen Entwicklung versteht.  Ein hübsches Beispiel für eine ironische Entwicklung brachte Loick mit der Geschichte von jemandem, der mit einem Schiff nach Amerika fährt, weil er Fliegen für gefährlich hält. Ironisch wäre es nun, wenn das Schiff auf der Reise kentert. Bei Adorno/ Horkheimer stellt sich das so dar, dass sich der Mensch im Zuge der Aufklärung zwar aus dem gewalttätigen Urzustand der Natur hin zur Kultur bewegt. Ironischerweise verstärkt sich damit aber zugleich die Tendenz zur staatlichen, das Gesetz legitimierenden Gewalt, eine Gewalt, der man mit diesem Ausbau der Kultiviertheit doch entkommen wollte.

(Mehrmals fuhr, gerade als von der Staatsgewalt die Rede war, mit lauter Sirene ein Polizeiauto vorbei. Wahrscheinlich könnte man nirgendwo in Berlin diskutieren ohne Sirenenklang vor der Tür, nichtsdestotrotz schmunzelte der ein oder andere Zusammengeknautschte im Saal ob dieser Koinzidenz.)

Daniel Loick stellte also die Frage danach, wie sich die Gesetze legitimieren lassen, ohne sich dabei auf Gewalt stützen zu müssen. (Was es mit dem Begriff Souveränität dabei auf sich hat, das kann ich leider nicht mehr wiedergeben, zu sehr war ich von den abstrakten Gedankengängen und dem hohen Fremdwörtergehalt gedanklich geblendet.) Seine Antwort ist, dies müsse über den Diskurs, die Rede, die Sprache geschehen, wobei ihm sehr daran gelegen ist zu betonen, dass auch die Nicht-Zustimmung zum Recht immer mitgedacht werden muss, die gänzlich von allen garantierte Zustimmung zum Recht niemals gegeben sein kann und dass dieses System sein Scheitern also immer mit einbeziehen muss.

(Beim Versuch, das wieder nachzuvollziehen, fällt mir auf – ich mag diese Denkfiguren, die schwarz und weiß zugleich in sich aufnehmen – aber wenn ich versuche, mir das vorzustellen, dann verknotet sich mein Hirn, oder ich kann allein in meinem Kämmerchen irgendwie nicht mehr nachvollziehen, wie das eigentlich gehen soll und warum das überhaupt notwendig ist, das Alles- in-eins-rühren. Und beim späteren Gespräch in anderer Runde über dieses Thema kam der Einwand, das sei ja auch immer sehr leicht für die Leute, die ihr Leben lang ihre Eloquenz geschult haben, zu sagen, die Gesellschaft müsse sich durch das Gespräch legitimieren, weil sie daraufhin mit ihrer wohlfeilen Zunge die Mächigsten sind, ohne dass ihnen dafür noch jemand aufs Maul hauen kann. Moment. Aber irgendwie war das ja gar nicht die Fragestellung, oder?)

Leichter nachzuvollziehen ist die Dialektik in Christoph Menkes Essay „Recht und Gewalt“. Gewalt, so betont er, ist nicht allein das letzte Mittel des Rechts, sondern geht ihm immer voraus. Vor dem Recht liegt ein irgendwie gearteter Ur-Zustand, ein Naturzustand vielleicht oder ein vormoralischer Zustand, in dem eben alles noch gleich ist und es kein Recht oder Unrecht gibt. Durch einen gewaltreichen Prozess kommt die Einteilung, die Ausschließung, die Einsetzung des Rechts zustande, und durch diesen Prozess erst kann das Recht erst Recht sprechen.

Zugegeben, zu diesem Zeitpunkt war ich schon sehr abgelenkt. Davon, dass draußen die Polizei vorbeifuhr, davon, dass eine Frau mir gegenüber immer wieder in mein Gesicht starrte, davon, dass ich neben einem Heizungsrohr und einem Zeitschriftenständer saß, in dem sich seltsamerweise auch noch ein Magazin für zeitgenössische Kunst und Kultur mit dem klangvollen Namen frieze d/e.  befand. Das war viel zu nah an friNtze, als dass ich mich noch hätte ganz und gar auf Recht, Natur und die Stimme Menkes hätte konzentrieren können, der auch noch viel leiser sprach als Daniel Loick.

Ich versank in der Betrachtung des Gedankengebäudes über den Köpfen, es war weiß und licht, und trotz der Bücherregale mit den Überschriften „Belletristik“, „gothic novel“, „gender“, die sich hinter den Zuhörenden befanden, sah ich hohe Räume und Fenster, durch die man von weit oben auf irgendwelche urzeitlichen Wälder blicken konnte. Ich hörte noch, es ging um diesen Zustand da draußen, irgendwo vor Kultur und Recht, und die Worte waren so schön und so hoch und die Rede so elegant – da sagte Menke: „Na, wie man das nennt, ist mir letztlich wurscht.

Wurscht. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass das meine Visionen vom Denkgebäude negativ beeinflusst hat. Und dass die Fragenden aus dem Publikum während des nachfolgenden Gesprächs sich zum Teil so ereiferten, dass ihnen die Luft wegblieb und ihnen die Adern auf der Stirn hervortraten, vermochte mich daraufhin nicht mehr zu schocken. Auch nicht, dass die ganze Veranstaltung zweieinhalb Stunden dauerte.

So viel Philosophie. Und das mitten in Kreuzberg.

Link zu einer Aufnahme des Vortrags von Daniel Loick, aufgenommen von Anna Echterhölter

Amazon-Links zu den Büchern:

Zur „Kritik der Gewalt“ von Walter Benjamin

Zur „Kritik der Souveränität“ von Daniel Loick

Zu „Recht und Gewalt“ von Christoph Menke

Zur „Dialektik der Aufklärung“ von Adorno/Horkheimer

(Und bei b_books gibt es die Bücher natürlich auch.)

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Eingeordnet unter Als ich mal ausgegangen bin, Bücher, Philosophischer Wetterbericht

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