Johannes Bobrowski: Litauische Claviere

Der Roman „Litauische Claviere“ von Johannes Bobrowski hat mich überrascht. Darauf gestoßen war ich durch eine Lesung, die ich in Friedrichshagen, da wo Bobrowski gewohnt hat, mit Annika Scheffel machen durfte. Da sollte man einen Text von Johannes Bobrowski vorstellen. Und ich hatte von dem überhaupt keine Ahnung! Ich hab dann aus „Lewins Mühle“ vorgelesen, auch da schon überrascht vom Rhythmus der Sprache, der Poesie, dem Fließen, der Musikalität. Und das ging mir bei den „Litauischen Clavieren“ auch so.

Seltsam ist, dass in dieser Sprache solche heimatlichen Geschichten erzählt werden, Geschichten vom Land, Geschichten vom Dorf. Und dann auch noch in Litauen und in Ostpreußen, vor dem Weltkrieg, vor der Vertreibung. Das macht erst mal einen sehr traditionalistischen Eindruck. Aber tatsächlich hat man es mit einer sehr experimentell erzählten Literatur zu tun.

Professor Voigt, ein Gymnasiallehrer, und Konzertmeister Gawehn denken sich eine Oper aus, eine Oper, die in Litauen spielt und einen litauisch-deutsch-versöhnlichen Protagonisten hat – den Nationaldichter Kristijonas Donelaitis, einen Pfarrer, der auf deutsch und litauisch gepredigt hat und der also für ein friedliches Zusammenleben beider Bevölkerungsgruppen steht.

Voigt und Gawehn machen einen Ausflug, um einen dritten Mitstreiter für ihr Projekt zu gewinnen. Dabei besuchen sie ein Fest und werden Zeuge einer Auseinandersetzung zwischen Litauern und nationalistischen Deutschen.

Und das ist also schon mal das Interessante an diesem „Roman“ (ich würde das nicht so nennen, eher vielleicht: Erzählung.) Es gibt eigentlich so gut wie keine Handlung, stattdessen werden viele Gespräche wiedergegeben, man bewegt sich mit den Figuren durch die Landschaft, durch ein ländliches Litauen – da sind die Flüsse, auf denen man mit dem Dampfschiff eine Reise unternimmt, da sind die Züge, die zu Opernpassagen inspirieren. Die Geschichten von Nebenfiguren werden erzählt, Beziehungen, unterschwellige Konflikte. Die politische Situation zum geschilderten Zeitpunkt spielt eine Rolle, die Parteien, die einander gegenüberstehen, Kommentare, Gegenspieler. Der humanistische Gymnasiallehrer Voigt, der gerecht sein will und für eine Versöhnung einsteht, auch mit seinem Opernprojekt, seiner persönlichen Hoffnung, seiner Utopie.

Das Ganze ist durchsetzt mit Anspielungen auf litauische Geschichte, Sagen, das Leben von Donelaitis. Kennt man sich damit nicht aus (wie wohl die meisten unbedarften Leser), ergibt sich ein Geflecht aus Zeichen, die man nicht so ganz einordnen kann; trotzdem transportiert sich eine Stimmung: das Landleben, die beiden Volksgruppen in dieser Landschaft, die Konflikte, die Personen. Der hilflose Versuch, die widerstreitenden Positionen auszusöhnen, die Vorahnung einer Katastrophe, eines Verlusts, damit verbunden: eine Wehmut. Und zugleich wird da nichts geschönt; das ist keine unkritische Heimatdichtung. Wie die Oper, die da geschrieben werden soll und die auf der Hoffnung basiert, damit noch etwas ausrichten zu können, so ist auch im Roman schon klar, dass es eine hoffnungslose Angelegenheit ist mit der Versöhnung, dass es eine wahnwitzige Hoffnung ist, die auf nichts gründet und schon verloren ist. Und dennoch.

 

Auch wenn ich ganz und gar nicht alles an Anspielungen und Hintergründen verstanden habe, hat mich der Text in seinen Bann geschlagen. Die Sprache, die Musikalität, die Zusammensetzung der Bilder, das Einfließen von Motiven, die wiederkehren – also, tatsächlich, jetzt verstehe ich einmal mehr, warum es in Berlin- Friedrichshagen eine engagierte Bobrowski-Gesellschaft gibt. Dass er außerhalb davon so ziemlich vergessen wurde, ergibt sich wohl aus der eigenwilligen Wahl der Themen. Eben doch ein Problem: Heimatdichtung. Die Form aber, die Form – die macht, dass man Bobrowski unbedingt wieder ausgraben muss, dass man ihn mehr vorlesen muss – die „Litauischen Claviere“ wieder zum Klingen bringen, oh ja.

 

 

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9 Kommentare

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9 Antworten zu “Johannes Bobrowski: Litauische Claviere

  1. Roland Begenat

    Heimatdichtung? Da hätte Bobrowski vehement widersprochen! Als Kind hat er eine Landschaft und eine uns auf Grund mangelnden Wissens fremd erscheinende Kultur kennengelernt, in der Heimat ein ganz anderen Klang und notwendig eine andere Bedeutung hat als für uns. Dieses vertrackt-schwierige Thema und unsere über viele Jahrhunderte unrühmliche Verwicklung in die Geschichte dieser östlichen Region wurde Bobrowski aus biographischen Gründen zum Lebensthema. Sein Verdienst, dieses nicht den Ewiggestrigen (Vertriebenenverbänden, Ostpreußenvereinen u. a.) zu überlassen, hat seiner großen Kunst viel Zustimmung gekostet. Wunderbar, dass Ihnen Form und Klang trotz Ihrer Vorbehalte so wertvoll geworden sind. Nun wird es Zeit für die Lyrik Bobrowskis, die Ihr musikalisches Ohr entzücken wird.

    • „Heimatdichtung“ – so kann man das aber trotzdem nennen. Das ist ja sowas – nur eben auf eine ganz andere Art, nicht verklärend, sondern mit einem offenen Blick, der nicht vor den Konflikten und Schattenseiten zurückscheut. Neben der Musikalität der Sprache, die schon in der Prosa so sehr zur Geltung kommt, ist es diese Unabhängigkeit der Perspektive, die die Romane Bobrowskis so lesenswert macht. Zu dieser Unabhängigkeit gehört es ja, dass er diese Themen auf seine Art behandelt hat, obwohl ihn das, wie Sie sagen, Zustimmung gekostet hat. Und zugegeben – noch immer gibt es zunächst dieses Misstrauen, dieses Unbehagen, in Bezug auf die Behandlung dieser Themen. Ein großes Verdienst Bobrwoskis, dass er einen über diese Schwelle trägt und einen Weg findet, darüber zu schreiben, so dass es keinen seltsamen Beigeschmack hat. Ja, wenn ich jetzt so darüber nachdenke: ich finde, man merkt hier einen gefestigten, künstlerischen Standpunkt, der zwar aus seiner Zeit kommt, aber gewissermaßen auch über ihr steht – eben: zeitlos ist.
      Vielleicht sollte ich mich tatsächlich auch mal an seine Lyrik wagen – bin sonst nicht so der Lyrik-Typ, aber auch da sind es ja Standpunkt und Stimme, die überzeugen können.

      • Roland Begenat

        Heimatdichtung darf man es nicht nennen: Diese poetische Verlebendigung einer Landschaft, in der die zeitgeschichtliche Verwandtschaft viele Kulturen und Völker gegen die heutige Ortlosigkeit sichtbar gemacht wird. Vergangen bedeutet nicht unbedingt auch abgetan. Bobrowskis Geschichtsauffassung ist nicht sentimental, sondern er will will verstehen. Verstehen ganz im Sinne Hannah Arendts – um es für das heute fruchtbar zu machen.
        In seiner Lyrik versammelt er Mythen, Zeichen, Landschaften zu einer Poesie der Erkenntnis. Auch unsere moderne Psyche ist nie so vollständig modern, dass sie der Poesie entraten könnte.

      • Aber kommt es dann nicht eher drauf an, wie man „Heimat“ definiert? Wenn es eben darum geht, „gegen die Ortlosigkeit“ zu sprechen? Von Heimat zu sprechen heißt ja nicht zwangsläufig, dass man sentimental ist – auch wenn es das viel zu oft heißt. Das Unsentimentale meinte ich ja grade, als ich von Bobrowskis Unabhängigkeit im Blick und von seiner Zeitlosigkeit sprach. Dass ich auf diesem Wort „Heimat“ in dem Zusammenhang bestehe, hat nur damit zu tun, dass ich es nicht leiden kann, wenn ein Wort von einer Seite besetzt und seiner Offenheit beraubt wird – obwohl man es auch anders verwenden könnte.

  2. Roland Begenat

    Heimat ist durchaus ein Thema bei Bobrowski, ganz in dem Sinne, wie sie es meinen und wünschen: Es nicht von der falschen Meinungsseite besetzen lassen. Aber es wurde dann für ihn insofern kontraproduktiv, als der Schritt zur Heimatdichtung nicht mehr weit war und auch gegangen wurde/wird. Heimatdichtung ist aber ein literaturwissenschaftlicher Terminus, der nicht mehr neutral ist, etwas ganz anderes meint als das Bobrowskische Projekt.

    • aha, oha. Da war ich mir wohl des literaturwissenschaftlichen Bedeutungspäckchens nicht bewusst, das auf dem Wort lastet, als ich es verwendete – und hab also schon wieder was gelernt, vielen Dank! Wie kommt es überhaupt, dass Sie so genau über Johannes Bobrowski Bescheid wissen?

      • Roland Begenat

        Erstens, weil ich ein Leser bin :). Aber es gibt auch einen aktuellen Anlass und durch diesen bin ich auch zufällig auf Ihren Blog gestoßen. In Litauen an der Memel (Nemunas heißt der Fluss heute) gibt es ein Dörfchen namens Vilkyškiai. Zu Bobrowskis Zeiten hieß es Willkischken. In der Kirche von Willkischken wurde Bobrowski konfirmiert und getraut. Seine Frau Johanna stammte aus dem benachbarten Mozischken. Während der Zeit, als Litauen eine sowjetische Republik war, diente die Kirche als Getreidespeicher. Nach der Unabhängigkeit Litauens 1991 gelangte die Kirche wieder in den Besitz der lutherischen Kirche Litauens und wurde sukkzessive mit Hilfe aus Deutschland und EU-Mitteln restauriert. Die litauische Glasmalerin, die die Kirchenfenster nach alten Vorlagen wieder hergestellt hat, ist eine gute Freundin. Den Pfarrer kenne ich auch schon lange, sowie den deutschen Orgelbauer, der eine gebrauchte Orgel aus Detmold in die Willkischkener Kirche eingebaut hat. Kurzum, seit vielen Jahren bin ich regelmäßig in Litauen, beschäftige mich mit der Sprache und Kultur dieses abgelegenen Landes und arbeite auch in verschiedenen Projekten mit. Und so ist auch gemeinsam mit dem Pfarrer und dem Orgelbauer der Plan für ein Bobrowski-Museum gereift. Das verfallene Pfarrhaus hinter der Kirche in Willkischken wurde schon teilweise renoviert, eine litauische Bobrowskigesellschaft in Vilkyškiai gegründet. Ein Teil der Möbel aus dem Arbeitszimmer von Bobrowski steht schon in Willkischken, nachdem die Söhne die Friedrichshagener Wohnung auflösen mussten. Am 21. Juli wird das kleine Museum eröffnet und ich bin gerade dabei, einen kleinen Text für eine erste Broschüre zu schreiben, die zum Eröffnungstermin vorliegen soll. Noch haben wir nicht alles Geld für den Aufbau der Ausstellung zusammen, aber die Litauer sind angenehm entspannte Menschen. Sie machen sich auf den Weg und irgendwie klappt es dann immer.
        Auf Bobrowski bin ich vor vielen Jahren in Litauen gestoßen. Dort ist er geläufiger als bei uns. Die Hauptstrasse in Vilkyškiai heißt „J. Bobrovskio gatve“. Namen werden im Litauischen auch flektiert!
        So ist mir Bobrowski mit den Jahren neben Mörike der wichtigste Lyriker geworden.
        Sie haben sehr geduldig auf meine penetranten Belehrungen reagiert. Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen. Vielleicht aber verstehen Sie jetzt, warum es mir so wichtig war, gerade in diesem Fall nachzuhaken.
        Als Ganztagsleser und -schreiber, bin ich selbstredend mit so manchem nicht einverstanden, was mir täglich gedruckt oder auf dem Bildschirm vor Augen kommt, aber meist lohnt es sich nicht, dem nachzugehen.
        Für Ihre Geduld sei Ihnen gedankt.

      • Lieber Herr Begenat! Ich danke Ihnen für die vielen Hinweise und die unmittelbaren Eindrücke aus Litauen!
        Auch wenn ich mir viel Mühe gebe beim Schreiben und insbesondere versuche, die Bücher, die ich bespreche, in ihrem jeweiligen Kontext zu betrachten, hab ich natürlich nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen und es unterläuft mir der eine oder andere Fehler. Umso glücklicher bin ich, wenn jemand sich die Zeit nimmt, mich darauf hinzuweisen – zumindest dann, wenn es um ein inhaltliches Interesse geht und nicht einfach um irgendeine Korinthe, die jemand meint dringend absondern zu müssen. Und gerade in Zusammenhang mit der hier angesprochenen Thematik – Landschaften, Regionen, Minderheiten, Machtverhältnisse, Herrschaftsumbrüche, Vertreibungen – kann man sich ja auch gehörig in die Nesseln setzen bei den Formulierungen. Ich muss gestehen, dass es mir unter anderem aus diesem Grund auch nicht leicht gefallen ist, über die beiden Bücher zu schreiben. Wobei darin ja auch grade der Reiz besteht: in den Positionierungsproblemen, die man beim Schreiben in sich selbst entdeckt und die man beim Verfassen des Textes für sich, zumindest im Rahmen des Textes, löst. Ich freue mich, dass Sie über diese Rezensionen den Weg auf meinen Blog gefunden haben, und ich drücke für die Ausstellung und das entstehende Bobrowski-Museum gehörig die Daumen! Und wenn es möglich ist – vielleicht kann ich ja auch mal einen Blick in Ihre Texte werfen? Mag ja sein, dass ich daraufhin umso mehr Lust entwickele, an die Lyrik Bobrowskis mal ein Ohr zu legen…
        Mit den besten Grüßen!
        Friederike Kenneweg

  3. Roland Begenat

    Liebe Frau Kenneweg! Wer hat schon die Weisheit mit Löffeln gefressen? Deswegen lesen wir doch: um klüger zu werden. Und an Ihren Artikeln gibt es nichts auszusetzen, haben Sie doch auf deutlich darauf hingewiesen, dass es sich um erste Leseeindrücke handelt und sich nicht als Bobrowski-Kennerin aufgespielt. Auf Prahlereien wäre ich erst gar nicht eingegangen, aber es hat mich doch gefreut, dass Sie schon im ersten Lesen viel Wesentliches entdeckt haben. Mein Bobrowski-Artikel wird in den nächsten Tagen fertig und ich sende Ihnen denselben gerne zu (an die mail-Adresse im Impressum?). Sie dürfen allerdings keine literaturwissenschaftliche Expertise von mir erwarten. Ich habe u. a. auch Literaturwissenschaften studiert und dabei eines schmerzlich gelernt. Diese Wissenschaft ist oft nur eitles Gespreize und in den überwiegenden Fällen der Tod der Poesie. Die Sekundärliteratur zu Bobrowski bietet reichlich Beispiele zu dieser These. Mein Text ist sehr persönlich, nicht nur für deutsche Besucher, sondern auch für Litauer geschrieben, die ein sehr inniges Verhältnis zur Poesie haben.
    Herzliche Grüße
    Roland Begenat

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