Der Schornstein raucht!

„Niedrig gilt das Geld auf dieser Erde, und doch ist sie, wenn es mangelt, kalt. Doch sie kann sehr gastlich werden plötzlich durch des Gelds Gewalt!“ – So heißt es in Brechts „Lied von der belebenden Wirkung des Geldes“.

An einem kalten Morgen hatte ich gemeinsam mit meinem Vater einen Termin bei einem BHW-Berater, weil in unserer Familie der Gedanke aufgekommen war, eine Wohnung für mich zu kaufen. Ein entsprechendes Objekt war gefunden, jetzt mussten nur die verschiedenen Möglichkeiten, an einen Kredit zu kommen, eruiert werden.

Die Finanzgeschäfte hatten in unserer Familie immer in erster Linie bei meinem Vater gelegen, er hatte für uns Kinder Sparkonten angelegt und Bausparverträge, und immer mal wieder hatte er auch mit uns geschimpft, wenn wir es nicht geschafft hatten, das gewisse Formular für die „Prämie“ rechtzeitig zu unterschreiben und in den Briefkasten zu schmeißen. „Von der Wiege bis zur Bahre, Formulare, Formulare“, sagte er zu uns in diesem Singsang, der sich für immer einprägt.

An diesem Tag musste ich mich aber tatsächlich selbst mit den Finanzangelegenheiten auseinandersetzen, durfte mir nicht zu fein sein, denn es sollte um mich gehen, es wäre mein Kredit und mein Bausparvertrag, und ich muss das dann auch abbezahlen. Und zudem wird mein Vater alt und findet, wir müssten diese Dinge endlich mal selber überblicken und regeln – womit er ja zweifellos recht hat. Nur ist das Leben doch so schön, wenn man sich um das vermaledeite Geld keine Gedanken machen muss (oder das eben einfach nicht macht.)

Vor der Zeit kamen wir bei dem Baufinanzierer an, setzten uns auf das Sofa im Vorzimmer, und jetzt erst erzählte mir mein Vater, dass er der BHW misstraute, seit diese, die vorher gewerkschaftlich gewesen war, erst von der Postbank und diese wiederum dann von der Deutschen Bank gekauft worden war. Ich erzählte von einer Hausarbeit, die ich kürzlich Korrektur gelesen hatte, unter anderem damit bestreite ich meinen Lebensunterhalt, in der es um „feindliche Übernahmen“ ging. Dass mich aber an der Arbeit gestört habe, dass es nur um die verschiedenen Mechanismen ging, dass das Selber-Denken in wirtschaftswissenschaftlichen Hausarbeiten augenscheinlich nicht gefragt sei, zumindest sei es in dieser nicht sonderlich sichtbar gewesen.

Endlich traten die Herren ein, mit denen wir verabredet waren, ein Herr T., der in seinem grauen Anzug hoch aufgeschossen und fast noch jungenhaft aussah, und sein Assistent, ein kleiner Mann mit hervortretenden großen Augen, der mir leicht unangenehm war, weil er etwas Kriecherisches an sich hatte, so als erwarte er, jeden Moment geschlagen zu werden. „Haben Sie denn gut einen Parkplatz gefunden?“ fragte der Assistent. „Wir sind mit der Bahn gekommen“, sagte ich.

An einem runden Tisch nahmen wir Platz, ich direkt neben dem gelben Sparschwein aus Plastik, und ich musste denken, dass es doch sehr seltsam ist, dass gerade, wenn es um den „Ernst des Lebens“ geht, um Häuser bauen und Kapitalanlagen, auf so alberne Symbole wie gelbe Plastikschweinchen zurückgegriffen wird. Ob das wohl Vertrauen im Kunden hervorrufen soll? Das ist wie mit den lächelnden Schweinefiguren, die für Fleischereien werben – irgendwas kommt einem daran falsch vor.

Außerdem stellte ich fest, dass runde Tische für Verhandlungen, bei denen es um Papierkram geht, eigentlich nicht so gut geeignet sind wie landläufig angenommen, jedenfalls sah ich die ganze Zeit alle Dokumente, um die es ging, nur auf dem Kopf.

Mein Vater schilderte das Projekt, um das es gehen sollte, und betonte, dass es wichtig wäre, das Ganze aber flexibel zu halten, für den Fall, dass ich plötzlich nach Stuttgart gehen wolle. Stuttgart, das steht in diesem Fall für alle Eventualitäten, die das Leben so bereit hält. Stuttgart – das ist momentan für mich reichlich abwegig.

Wovon ich denn lebe, freiberuflich, Künstlerin. Ob ich denn von der Riesterrente Gebrauch machte. Und ob ich Kinder hätte, fragte der Herr T. Alles nur, um die besten Finanzierungsmöglichkeiten herauszuarbeiten, selbstverständlich. Aber spätestens als er fragte, ob Kinder geplant seien, kam mir das doch reichlich indiskret vor. „Kinder, damit ist es so wie mit Stuttgart“, sagte ich und wedelte unbestimmt in der Luft herum.

Herr T. zog sich an seinen Rechner zurück, um ein Angebot auszuarbeiten, während der Assistent uns mit Smalltalk unterhielt. Er kenne ja Neukölln, wo die anvisierte Wohnung läge, da käme er selbst her. Dass es ja angeraten schien, angesichts der drohenden Inflation in Immobilien zu investieren, sagte mein Vater mit seiner typisch pessimistischen Grundhaltung. Dass es ja aber trotzdem wichtig sei, flexibel zu bleiben, heutzutage, sagte der Assistent. Stuttgart, dabei war ich gedanklich hängen geblieben, und bei einer Reportage über junge Leute in Griechenland, die auf einmal, ohne das je vorgehabt zu haben, Pläne zum Auswandern fassten. „Das hätten die ja auch nicht gedacht“, sagte ich. Vielleicht ja auch lieber in Athen investieren, wurde gescherzt, und dass ja unterdessen alles in China produziert würde, wirklich fast alles, gar die Steine, die an der TU Berlin auf dem Vorplatz verbaut worden seien, aus China gekommen wären, und dass man förmlich zusehen könnte, wie so ein Berg verschwindet, erzählte mein Vater, der die Gelegenheit nutzte, um mal wieder von einer seiner vielen Reisen durch die Welt aus dem Nähkästchen zu plaudern. Und ich fragte mich, was eigentlich mit der Welt passiert, wenn China irgendwann mal alle ist. Irgendwann geht ja jeder Vorrat mal zu Ende.

„Ich hätte also zwei verschiedene Angebote für Sie“, sagte Herr T. mit seiner etwas undeutlichen Art zu sprechen, und weil er dabei so jungenhaft aussah, musste ich ihn mir vorstellen, wie er als Kind eine Zahnspange getragen hatte, und hätte schwören können, dass er sich beim Zahnarzt die Zähne bleachen lässt. Seine Fingernägel waren dafür aber verhältnismäßig ungepflegt.

Herr T. teilte ein Blatt Papier in zwei Blöcke ein, schrieb verschiedene Zahlen auf beide Seiten und gab sich viel Mühe damit, dem Häuschen, dass er als Zielpunkt annahm, nicht nur Fenster und Tür zu malen, sondern gar eine kleine Rauchwolke über dem Schornstein. Und das sogar zwei Mal! Ich fragte mich, ob sich das wirklich ökonomisch vertreten lässt, dass man in einem solchen Verkaufsgespräch das, was sowieso bereits in gedruckter Form vorliegt, noch mal handschriftlich aufschreibt und sich zudem sogar die Mühe macht, kleine Häuschen an den Rand zu malen. Ich fragte mich, ob man solche Dinge in Schulungen lernt, und ob es sich mit dem Häuschen vielleicht ähnlich verhält wie mit dem gelben Schwein – es soll einen potentiellen Kunden beruhigen.

Die Angebote, die uns unterbreitet wurden, unterschieden sich in erster Linie dadurch, dass man mir einmal für schlechte Zinsen 30000 Euro leihen wollte und einmal für bessere Zinsen 60000 Euro. Beide Summen, das muss ich zugeben, ließen mir den Atem stocken, und ich selbst hätte mir weder für schlechte noch für günstige Zinsen eine derartige Summe geliehen. Das Häuschen mit dem Schornstein war nicht dazu imstande, mein Erschrecken angesichts der Tatsache zu lindern, dass ich soeben, wenn auch nur gedanklich und auf dem Papier, 52 Jahre alt und Wohnungsbesitzerin geworden war. Ich weiß schon, warum ich es tunlichst vermeide, mich mit Geld, Rente oder sonstigen Versuchen, in die Zukunft zu sehen, zu beschäftigen.

„Vielen Dank, dann sind wir ja erst mal informiert“, sagte mein Vater und sammelte die Papiere zusammen. „Und welche Art von Kunst machen Sie eigentlich?“, fragte Herr T. „Wie kann man sich das vorstellen, freiberufliche Künstlerin? So wie Picasso?“

Leider habe ich den Augenblick verpasst, ihm neue Bilder für sein Büro anzupreisen. Und wer weiß, vielleicht höre ich ja ohnehin bald wieder damit auf, mit dem Berliner Kunst-Quatsch, und geh mit meinen potentiellen Kindern nach Stuttgart.

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Philosophischer Wetterbericht

3 Antworten zu “Der Schornstein raucht!

  1. patze

    aber liebe…stuttgart ist nun wahrlich keine lösung, weder für 30 noch für 60 Tausend!

    • nee ich glaub auch nich… die unversehens ausgedachte liebesgeschichte mit herrn t. ist übrigens auch keine. schließlich hat er keine gepflegten fingernägel. leben is schon irgendwie hart…

  2. NK

    Hach, dazu passt, dass ich vor ein paar Tagen beschlossen habe, mich auf eine ausgeschriebene Stelle in Stuttgart nicht zu bewerben.

    Werden wir wohl irgendwann noch einmal erwachsen?

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