Christian Kracht: Faserland

Auf die Empfehlung eines Freundes habe ich mich darauf eingelassen, Christian Krachts „Faserland“ zu lesen. Das Buch war mir bislang nur als Vertreter der „Popliteratur“ aus einem Seminar bekannt, das ich irgendwann so 2002 besucht hatte, und ich erinnere mich an ein schlechtes Referat über das Buch, und alles, was mir im Gedächtnis geblieben war, war Sylt, der Bodensee, Bahnfahren, fürchterlich reich und fürchterlich betrunken sein und von einer Party zur anderen Fallen.

Die Handlung des Buches ist damit einigermaßen gut zusammgengefasst: Der Ich-Erzähler reist von der Fischbude im äußersten Winkel Deutschlands auf Sylt bis hinunter an den Bodensee, besucht auf dem Weg einige Freunde oder besucht sie eben grade nicht, fällt von Party zu Party, hält sich in Flugzeugen, Zügen und Hotels auf, betrinkt sich, nimmt irgendwelche synthetischen Drogen und kotzt in den paar Tagen diverse Male irgendwo hin oder wird Zeuge, wie irgendjemand anders das tut. Great party life, Mitte der 90er.

Es geht aber weniger darum, sich in diesem Lebensgefühl zu gefallen. Der Reichtum, der da so unverdient und ererbt vorhanden ist, wird zwar ausführlich zum Reisen und Konsumieren genutzt, und was das alles kostet, darüber muss der Protagonist nicht nachdenken; Geldsorgen sind ihm fremd. Zugleich ist das aber auch etwas peinliches, Geld zu haben – es hinterlässt ein etwas unangenehmes Gefühl, als er z.B. für alle auf Sylt den überteuerten Champagner bezahlt. Und dass es eine trennende Erfahrung ist, Geld zu haben, das scheint immer wieder in den Erinnerungen auf, die, von Gerüchen oder Ortsnamen ausgelöst, den Erzähler heimsuchen. Da ist der Strand-Spiel-Freund, der sich immer nur das kleinere Eis leisten konnte, und irgendwann war es anscheinend unangenehm, dass der Erzähler immer beiden das größere Eis bezahlt hat, und sie sahen sich nicht mehr.

Zugleich gerät der Erzähler andauernd in Situationen, die durch das Gefühl von Peinlichkeit an den Anfang von „American Psycho“ erinnern. Umgeben von teurem Champagner, hübschen Frauen, die Kreditkarte in der Hand und mit Markenklamotten angezogen zu sein – all das ändert nichts daran, dass man fürchtet, sich peinlich zu machen, wenn man nicht den richtigen Moment findet, um sich am Sylter Strand unbeobachtet Gel ins Haar zu machen. Und auch das Gefühl auf Partys, Leuten zu begegnen, die man kennt, die aber ganz offensichtlich durch einen hindurchsehen, bleibt gleich unangenehm, egal ob die Leute auf der Party koksen oder sich mit Sangria von Aldi wegschießen.

Am Ende steht die Begegnung mit Rollo, dem früheren Freund vom Bodensee, der seinen Geburtstag feiert, aber auch schon am frühen Mittag Sherry trinkt, immer von Valium benebelt. Auch Rollo hat Geld, auf seiner Geburtstagsparty sind alle gut angezogen, freundlich und nett – aber Freunde, die sich wirklich für ihn interessieren, hat er nicht. Und auch der Ich-Erzähler zieht sich aus der Affäre und kümmert sich nicht um ihn, als Rollo schluchzend auf dem Steg am See steht, obwohl er den Zustand seines Freundes genau erkennt.

Es geht vordergründig also um die Verbindungslosigkeit dieser Reichenkinder untereinander, um Luxusprobleme. Zugleich macht sich der Ich-Erzähler aber unentwegt Gedanken über die Nazi-Zeit, die Rentner sehen alle aus wie Nazis, einem Hotelangestellter, dem er in Heidelberg begegnet und dem zwei Finger fehlen, dichtet er an, er habe diese im Krieg im Kaukasus verloren, und er erzählt von der „Polenlinde“, zu der sie auf dem Internet im SPortunterricht immer rennen mussten und die so heißt, weil daran zwei polnische Zwangsarbeiter aufgehängt wurden. Eigentlich geht es also zugleich immer um Schuld und Sühne, um kulturelles Erbe – ja, eigentlich um das Thema Erbe insgesamt. Wie geht man damit um, was stellt man mit diesem Leben an, wenn man keine Aufgabe mehr hat, und auf welchem Fundament steht das eigentlich alles, dieser Reichtum? Der Freund Nigel aus Hamburg trägt „um zu provozieren“ immer diese T-Shirts mit Markennamen drauf. Im Flugzeug nimmt der Ich-Erzähler gleich mehrere Ehrmann-Joghurts und steckt sie in seine Jackentasche, nur damit sie ihm darin auslaufen und er einen nassen Hosenboden davonträgt.

Diese verquere Party-Reise durch die gesamte alte Bundesrepublik ist also ein Portrait dieser kapitalistischen Nachkriegsgesellschaft, ihrer Gedankenlosigkeit, Piefigkeit und Enge, Langeweile und Inhaltslosigkeit. Ein zerfasertes, zerfallenes Land, also, auf das auch der Titel anspielt. Und erst in Zürich, in der Schweiz, fühlt der Erzähler so etwas wie eine Leichtigkeit, weil dieses Deutschland hinter ihm liegt.

Und so entwirft das Buch aus allerhand Alltagsbeobachtungen, Gedankenfetzen, Erinnerungsschnipseln ein Bild von (west-)deutscher Identität, das einen angeekelt und richtiggehend angekotzt zurücklässt. Doch, doch, ich bin beeindruckt davon: davon, wie aus all dieser Oberflächlichkeit und Fassade etwas hervortritt, etwas wie ein kritisches Potential.

 

 

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