Dalia Grinkevičiūtė: Aber der Himmel – grandios!

Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass ich mich in der letzten Zeit gedanklich und literarisch im Baltikum rumgetrieben habe. So auch mit diesem Buch: „Aber der Himmel – grandios!“ von Dalia Grinkevičiūtė. 

Gerade erst vierzehn Jahre alt ist Dalia geworden, als sie und ihre Familie im Juni 1941 mitten in der Nacht verhaftet werden. Sie, ihre Mutter und ihr 17jähriger Bruder Jouzas werden in einen Waggon verladen, der Kaunas in Richtung Russland verlässt. Wochenlang fahren sie gemeinsam mit vielen weiteren Litauern weiter nach Osten, ohne zu wissen wohin. Im Altaigebirge bleiben sie den Winter über und arbeiten auf den dortigen Feldern, bis zu 18 Stunden am Tag. Kaum hat der Frühling begonnen, müssen sie wieder in den Zug steigen. Drei Monate dauert die Reise, bevor sie im August 1942 80 km nördlich vom Polarkreis mitten im Nichts abgeladen werden. Auf der Insel Trofimovsk sollen sie überwintern. Die 450 Litauer müssen mit bloßen Händen aus Ziegeln, Brettern und dem Moos der Tundra Unterkünfte zusammen bauen, die aber nur dürftig vor der Kälte schützen. Die Lagerleitung zwingt auch die Heranwachsenden zu schwerster körperlicher Arbeit, teilt aber nur sehr geringe Nahrungsmittelrationen aus. Schon bald breiten sich Typhus und Skorbut aus. Die Menschen sterben an Hunger und Kälte.

Wie durch ein Wunder überleben Dalia und ihre Familie diese Torturen auf der Insel Trofimovsk und sind erleichtert, als sie an einem anderen Ort in einer Fischerbrigade arbeiten dürfen.

Dalia Grinkevičiūtė hat diese Aufzeichnungen unmittelbar nach der Rückkehr aus der Verbannung verfasst. Da war sie zwar schon 23, dennoch wirken die Berichte sehr nah und direkt. Szenische Episoden und Passagen, in denen die glückliche Vergangenheit mit den Ereignissen im Gulag überblendet werden, geben dem Text eine literarische Qualität und dokumentieren umso eindringlicher, wie brutal die Geschichte des 20. Jahrhunderts diesen Menschen mitgespielt hat. Beeindruckend ist zudem die Klarheit, mit der Dalia alles um sie herum registriert. In all den höllischen Erfahrungen ist sie imstande, die Schönheit der Arktis zu sehen und zu beschreiben. Sehr genau ist sie imstande, zwischen gut und böse zu unterscheiden, ohne dabei Stereotypen (alle Sowjets sind böse, alle Litauer sind gut) auf den Leim zu gehen. In ihren Aufzeichnungen hält sie die Menschen fest, mit denen sie dort konfrontiert war, und beschreibt sie als Persönlichkeiten. Auch das langsame Verlöschen dieser Persönlichkeiten, das Abstumpfen und Vergehen.

Nach dem Schreiben vergrub Dalia Grinkevičiūtė das Manuskript im Garten ihres Elternhauses, weil sie fürchtete, bald wieder verhaftet zu werden. Und so kam es tatsächlich. Als sie wieder nach Litauen zurückkehrte, konnte sie es nicht mehr wieder finden. Erst 1991, da war sie schon vier Jahre tot, kam der Text zufällig wieder ans Tageslicht.

Das Buch zu lesen ist schmerzlich. Schon wieder eines, das mich zum Weinen gebracht hat, wenn auch nicht beim Lesen selber, sondern danach, beim darüber nachdenken und nachfühlen. Doch es ist ein Glück, dass die Blätter wieder gefunden wurden, ein Glück, dass die Herausgeberinnern Vytene Muschick und Anna Husemann den Text auf Deutsch zugänglich gemacht haben. All die Toten werden so nicht wieder lebendig. Aber durch den Text werden sie wenigstens nicht vergessen.

 

Zum Weiterlesen: hier gibt es meinen Artikel über die Lebensgeschichte von Dalia Grinkeviciute bei Spiegel Online.

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